Lasst es uns noch ein bisschen schlimmer machen …

Der nicht so überraschende Wahlausgang und mal ein paar andere Ideen zur Lösung.

Zugegeben, momentan ist nichts leichter, als den Osten zu bashen. Jüngst Sachsen und Brandenburg. Jeder Besser-Wessi kann nun in die moralische Kerbe schlagen und den Ossis die Schuld für den Rechtsruck des Landes feierlich übergeben. Damit bedient man nicht das eigene Ego, sondern auch mal wieder alte Ost-West-Klischees. Mir platzt hier allerdings nicht nur die Hutschnur, auch bald die Halsschlagader. Ich muss an dieser Stelle das Wahlergebnis nicht beschönigen, noch relativieren (wieso auch), möchte aber gerne mal eine andere Sicht ermöglichen, die ich selbst bei eigentlich sehr reflektierten Medien und Menschen jüngst vermisse.

First of all möchte ich damit beginnen, dass wir gesamtgesellschaftlich ein Problem mit rechtem Gedankengut haben und das nicht erst seit gestern oder ausschließlich in Deutschland. Wenn man sich mal außerhalb der eigenen Landesgrenzen umschaut, wird man erschrocken feststellen, dass es sich die Rassisten in vielen Parlamenten gemütlich gemacht haben. Es würde viel mehr Sinn machen, die Ursachen dessen zu ergründen, als einfach nur gegenseitig mit dem Finger aufeinander zu zeigen und das Problem möglichst weit weg zu schrieben.

Der Osten wählt rechts

Eine Sache ist allerdings Fakt und das haben die letzten Wahlen bestätigt: Die AfD erhält bessere Wahlergebnisse in den sogenannten neuen Bundesländern. Und die Antwort vieler Menschen in den alten Bundesländern darauf heißt (leider) Häme, Spott und die Forderung, die Mauer wieder zu errichten. Das Ganze ist nicht nur kontraproduktiv, sondern auch grob fahrlässig und sogar Teil des Dilemmas. Sollten wir uns nicht alle lieber die Frage stellen, warum das so ist? 

Würde man das Problem mit der AfD im Osten in den Griff bekommen, d.h. das Problem im Osten generell mal lösen, dann hätte die AfD auch in der Gesamtheit viel weniger Stimmen. Stichwort Bundestagswahl, Europawahl etc..

Die Lösung heißt also Ursachenforschung und eine Debatte, die die Politik und die Gesellschaft schon seit Jahrzehnten aussitzt! Schlimmer noch: Viele entscheiden sich momentan, noch Öl in Feuer zu gießen – sehr schlau. Nicht!

Des Weiteren gibt es im Osten immer noch mehr Menschen, die die AfD nicht wählen und denen es mit dem Wahlergebnis so geht, wie den meisten von uns: Sie sind schockiert. Nur, dass diese dann in einem Bundesland leben müssen, in dem die AfD zweitstärkste Partei ist. Das kann entweder zu jeder Menge Unmut, Angst oder direkt zum Wegzug führen. All jene Menschen werden übrigens auch direkt in den gleichen Sack geschmissen, auf den man dann mit der moralischen Keule rauf haut. Nicht wenige ostdeutsche Mitbürger fühlen sich etwas hilflos, verlassen und unverstanden. Ein Teufelskreis und wir sind alle Zaungäste. 

Aus dem Osten kommen ist oft peinlich

An dieser Stelle möchte eine kleine persönliche Anekdote einbringen. Geboren bin ich in Halle/Saale. Wenn ich das erwähne, bekomme ich stets jede Menge Mitleid ausgesprochen. Halle ist okay. Auch nicht besser oder schlechter als Duisburg, Ludwigshafen oder Saarbrücken. Trotzdem war meine Herkunft mir immer etwas peinlich, dank der Reaktionen. Aber, lucky me, wir sind 1991 in den Westen immigriert und ich bin in einem flotten westdeutschen Vorort großgeworden und durfte mich als westdeutscher Mitbürger definieren. Dialekt hatte ich auch keinen und über meine Herkunft habe ich einfach nicht gesprochen. Wenn ich das schreibe, merke ich selbst, wie krass das eigentlich ist. Aber so ist das, liebe Freunde. 

In unserem westdeutschen Dorf gab es Nazis, die haben dort ganz unverblümt Konzerte in einer Scheune veranstaltet, NPD Schulhof-CDs verteilt und Flugblätter in die Briefkästen geworfen. Später ist der Trupp rund um die freie Kameradschaft Rhein-Main in die damalige NPD-Hochburg Wölfersheim (Wetterau) gezogen. Das Problem blieb aber, denn Nazis gibt es überall und das schon sehr lange. Die sind aber ein bisschen anders drauf als das Gros der AfD-Wählerschaft. 

Jeder vierte hat in beiden Bundesländern Protest gewählt. Und ich würde jetzt mal kackdreist behaupten, dass im Osten nicht mehr Nazis leben, als überall sonst auch. 

Es gibt gute Literatur zu dem Thema, wie Menschen zu Rassisten werden und an dieser Stelle möchte ich Christian Geulen aus dem Buch Rassismus – Die Erfindung von Menschenrassen zitieren:

Vielmehr gehört es zu den historisch gewachsenen Eigenschaften des Phänomens Rassismus, in bestimmten Kontexten ein bestimmtes Denken an bestimmte Formen des Handels zu knüpfen. Vor allem in Zeiten unsicher oder fragwürdig gewordener Grenzen und Ordnungen von Zugehörigkeit bietet der Rassismus eine Möglichkeit an, die hergebrachte oder auch eine modifizierte Zugehörigkeitsordnung theoretisch neu zu begründen und praktisch herzustellen. (S. 13) 

Den Ossis geht es doch gut

Es gibt also bestimmte Umstände, die Rassismus fördern. Aber was ist denn da nu los im Osten? Lese ich doch jüngst wieder überall, dass es den Ossis doch so gut geht und sie dankbar für den Solidaritätszuschlag sein sollten. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Deutschland zweigeteilt, das haben wir wohl alle irgendwann schon einmal in der Schule gehört. Während es im Westen einen Wirtschaftsaufschwung gab, wurde im Osten die Planwirtschaft eingeführt und mehr oder minder erfolgreich das Gegensystem gelebt. Nach 40 Jahren crashte das System und führte zur Wiedervereinigung 1990. Dabei prallten zwei Welten aufeinander, denn die Menschen im Osten lebten in einem völlig anderem politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen System, welches natürlich auch Einfluss auf Denk- und Verhaltensmuster hatte. Letztlich wurde bei der Zusammenführung von Ost und West nur das westdeutsche Modell auf das ostdeutsche gestülpt und Millionen Menschen lebten plötzlich in einem System, das ihnen gar nicht bekannt war! Blühende Landschaften sollte es geben, ein vereintes Deutschland. 

Der Osten wurde dabei behandelt, wie ein ungeliebtes Kind, das an Weihnachten mit 50€ abgespeist wird. Es gab neue Autobahnen und Fassaden in den ostdeutschen Großstädten, 100 Mark Begrüßungsgeld und ein paar warme (aber scheinbar nicht so ernst gemeinte) Worte. Akademiker waren plötzlich keine mehr, weil der Abschluss im Westen nicht anerkannt war. Arbeiter waren plötzlich keine mehr, weil die Fabriken schlossen. Der schöne Schein verpuffte schnell und der Frust stellte sich ein.

Warst du schon mal in Sachsen oder Brandenburg? Ich meine nicht in Leipzig oder Potsdam. Man möge mal den Weg aus den Städten wagen. Nicht selten sieht es in ostdeutschen Provinzen aus wie nach dem Zweiten Weltkrieg. Viele Ortschaften sich nicht (mehr) mit der Bahn erreichbar, nicht selten gibt es nicht einmal eine befestigte Straße. Das ist kein Witz! Wir brauchen hier nun auch nicht von Arbeitsplätzen oder Einkaufsmöglichkeiten anfangen. Leerstehende VEBs, leer stehende Häuser. Es ist fucking trostlos. Wirtschaft gibt es fast gar keine. Der Westen hat den Osten weltmännisch bei sich aufgenommen, eine schöne Geste, die leider nach hinten losging. Denn eine Mauer einzureisen und einfach normal weiterzumachen, das funktioniert nicht.

Sind die Ossis denn nun einfach alles Nazis?

Bei den Landtagswahlen in Sachen 1999 holte die NPD 1,4% der Stimmen. Die PDS kam hingegen 22,2%. In Brandenburg zeichnete sich im gleichen Jahr ein ähnliches Bild. Hier kam die PDS auf 23,3% und die NPD auf 0,5%. Das ist jetzt zwanzig Jahre her. Wieso stellen wir uns nicht die Frage, wie es sein kann, dass linksdominierte Bundesländer plötzlich in genau die andere Richtung gehen. Sicher nicht, weil jetzt plötzlich alles Nazis sind. Der Gedanke ist zwar leicht, den können wir uns aber abschmatzen und uns ggf. lieber mal mit den Fakten und damit auch einer Lösung beschäftigen.

Dazu möchte ich mal das Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle aus dem Jahr 1999 zitieren:

Der Systemwechsel in den neuen Bundesländern hat große Anpassungsleistungen von den Ostdeutschen gefordert. Je nach Lebensalter und Erwerbsstatus sind die transformationsbedingten Belastungen und Anforderungen aber unterschiedlich stark. So ist die Situation für mittlere Altersjahrgänge, die stärker von den Sozialisationserfahrungen in der DDR geprägt sind, schwieriger als für jüngere Menschen oder nicht mehr im Erwerbsleben stehende. Die mittleren Jahrgänge standen vor dem Höhepunkt ihres Berufslebens. Sie erlebten nun, daß ihr systemspezifisches Wissen in oftmals großem Umfang entwertet wurde. 

Mit mittleren Altersjahrgängen waren im Jahr 1999 die 25-40-jährigen Ostdeutschen gemeint, also jene, die heute 45-59 Jahre alt sind. Diese Altersgruppe hat in Sachsen mit 33% mehrheitlich die AfD gewählt. Zwar ist die Arbeitslosenquote im Osten rückläufig, dennoch könnte man gewisse Rückschlüsse auf eine verpatze Integration ziehen. Das Wort wähle ich bewusst, denn eigentlich ist nichts anderes passiert. Der Osten wurde nicht integriert und das sieht man besonders an der Überraschung dieser Wahl, nämlich das Ergebnis bei den jungen Wählern. Denn in meiner Generation, also jene, die von der DDR nichts mehr mitbekommen haben, wurde die AfD sowohl in Sachsen, als auch in Brandenburg mehrheitlich gewählt und kam in Sachsen auf 26% und Brandenburg sogar auf 30%. 

In einem Interview mit Cicero spricht Historiker Frank Wolff davon, dass sich der Konflikt um zwei Generationen verschoben hat. Auf die jüngeren Generationen bezogen antwortet er im Interview:
Die [Generation] steht auf der anderen Seite, ist in den neunziger Jahren aufgewachsen und damit mit diesem extremen ökonomischen Bruch. Den hat sie direkt erlebt und vor allem ihre Eltern dabei beobachtet, wie sie ihre Füße nicht mehr auf den Boden bekomme haben. Da war weniger der Mauerfall das Problem, sondern, dass die neuen Bundesländer als erste die extreme Neoliberalisierung abbekommen haben, die dann auch später so in anderen Staaten Europas stattfand. Das hat die Identitäten stark geprägt, und so überlappen sich in der heutigen Perspektive immer Vor- und Nachwendeerfahrungen.

Zugehörigkeit und Wende-Rhetorik

Die AfD kokettiert ganz bewusst mit Wahlslogans rund um das Thema Wende, da dieses Thema für viele Mitbürgerinnen und Mitbürger im Osten des Landes noch immer nicht vom Tisch ist. Wir konnten alle dabei zuschauen, wir wussten alle, wie die Wahl ausgehen würde. Und nun sind wir doch alle entsetzt – in Schockstarre, mit erhobenen moralischen Zeigefinger gen Osten und merken nicht, dass das das Problem noch weiter verschärft. Solange wir, die unter der Wende nicht zu leiden hatten, weiter dabei zusehen, wird sich nichts verändern – im Gegenteil. Der Osten fühlt sich abgehängt, nicht zugehörig. Nicht als vollwertiger Teil dieses Landes und von der Politik oft nicht gesehen. Die Menschen in Ost und West nehmen gegenseitige Unterschiede wahr, es kommt zu klischeehaften Denken. Wir teilen uns in „Ossis“ und „Wessis“ auf (aber nicht in „Nordis“ und „Südis“), welches uns auch sprachlich separiert. Die AfD bedient sich einfachster Wenderhetorik und hatte damit Erfolg, mehr als noch vor einigen Jahren – was eigentlich schon ziemlich deutlich macht wo andere Parteien und wir als Gesellschaft ansetzen sollten.

Banal aber simpel?

Solange wir das Nazi-Problem stets in „Dunkeldeutschland“ verorten und die Verantwortung von uns abschieben wollen, verändert sich nichts. Viele Menschen in den neuen Bundesländern fühlen sich nicht gesehen, gehört oder wahrgenommen und das ist an vielen Stellen auch einfach Fakt. Wir können diesem Umstand nicht übergehen und wir sollten, 30 Jahre nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung, anfangen, das Land zu einigen und nicht weiter zu teilen.

Zum einen sollte die Politik mehr auf die Belange der Bürgerinnen und Bürger hören und nicht einfach Schema F anwenden. Die Volksparteien müssen anfangen auch Politik für den Osten zu machen, denn sonst übernehmen das andere (wie man ja jetzt sehen kann!). Zu lange wurden die Nöte, Ängste und vielleicht auch Fragen nicht wahrgenommen, ohne jetzt hier ein Drama-Fass aufzumachen. 

Wir alle schauen dabei zu, wie vor allem im Osten Landstriche von Nazis übernommen werden. Hier finden Nazi-Festivals statt oder siedeln rechte Gruppen, wie jüngst in Brandenburg mit den Anastasia-Anhängern. Viele Menschen vor Ort werden mit diesem Problem alleine gelassen, andere finden in diesen Gruppierungen die Zugehörigkeit, die ihnen fehlte.

Wir können Bündnisse und Vereine in Brandenburg, Sachsen, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt unterstützen und den Menschen das Gefühl geben, damit nicht alleine zu sein. Außerdem hilft es niemanden, auf die Ossis zu schimpfen und mit Intelligenz absprechenden Adjektiven um sich zu werfen. 

Am wichtigsten ist aber wohl, dass wir uns auch jenseits von Bundes- oder Landtagswahlen mit jenen Gebieten beschäftigen, die wirtschaftlich nicht so gut dastehen. Das betrifft inzwischen nicht mehr nur den Osten und auch in westdeutschen Gegenden schleicht sich allmählich das Nazi-Gespenst ein. Wenn wir da jetzt kollektiv wegschauen, wir das Problem eher größer. Die einzige Lösung heißt ganz klar, die Ursache auszumachen und zu bekämpfen.

Davon haben wir am Ende alle was!

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