Die Rache der Wissenschaft

Eine kritische Auseinandersetzung mit „Die Rache der Affen“.
Bild: Archiv Soko Tierschutz

Die aktuelle Folge des Podcasts ZEIT Verbrechen vom 30.06.2020 und viele der darin getätigten Aussagen haben mich dazu veranlasst, die folgenden Zeilen zu verfassen und DIE ZEIT entsprechend um Stellungnahme zu bitten.

Mir ist bewusst, dass ein Medium wie der Podcast ZEIT Verbrechen keinen Anspruch auf Objektivität hegt und auch in vergangenen Folgen eine subjektive Haltung und Meinung zu Einzelpersonen, Organisationen und Institutionen offenlegte. Ich möchte niemandem eine persönliche Meinung absprechen, noch das Mittel der subjektiven Berichterstattung diffamieren. Dennoch ist die einseitige Berichterstattung in diesem konkreten Fall und die augenscheinliche Befangenheit der DiskussionsteilnehmerInnen zu kritisieren und durch DIE ZEIT auch zu erklären. Auch im Medium Podcast kann man differenziert bestimmte Sachverhalte diskutieren. Vor allem weil die DiskussionsteilnehmerInnen im Vorfeld die Möglichkeit hatten, sich umfassend zu informieren. Es ist mir an dieser Stelle nicht möglich alle Alternativen zu genannten Tierversuchen aufzuzählen sowie en détail auf alles einzugehen. Da bemängelt wurde, dass genannter Tierrechtler auf gestellte Fragen keine Antworten kannte, möchte ich erwähnen, dass die Fragen von sehr vielen, auch hochrangige WissenschaftlerInnen, adäquat beantwortet werden können. 

In der genannten Ausgabe des Podcasts ZEIT Verbrechen wird der Kriminalfall rund um den Hirnforscher Nikos Logothetis und einem namenlosen Tierrechtler der SOKO-Tierschutz bzw. PETA besprochen. Schon bei der Unterscheidung TierrechtlerIn und TierschützerIn hapert es. 

Kriminalfälle im besagten Medium werden häufig aus mehreren Perspektiven dargestellt und beleuchtet. Der Blickwinkel aus Täter- und Opfersicht sind hierbei keine Seltenheit. Die vorliegende Folge bietet all das nicht, der Kriminalfall kommt wenig bis gar nicht zur Geltung, da die Aussagen vornehmlich die Forschung an Tieren rechtfertigen (dazu später mehr). Auch ist der Sprachduktus hier zu hinterfragen, da hier klar durch Sprache manipuliert wird. Sprachmanipulation ist ein beliebtes Mittel auch im Journalismus und man sieht hier eindeutig wie die Beteiligten dieser Episode zu SprecherInnen einer bestimmten Interessensgruppe werden. So wird über Wissenschaft im Allgemeinen, die benannten Personen und auch die (vermeintlichen) Errungenschaften der Forschung ein euphemistischer Ton angeschlagen und dem gegenüber stehen die TierschützerInnen, die einem ausgeprägten Dysphemismus zum Opfer fallen. Obwohl man hier sagen muss, dass an ein oder anderer Stelle seitens der beiden GastgeberInnen doch noch ein positives Wort im Nebensatz verloren wird. 

Formulierungen wie zu Beginn der Folge sind bewusst irreführend, denn die beschriebenen Bilder („Er sieht einen Affen, dem scheinbar Blut übers Gesicht läuft. Sein Schädel ist kahl geschoren. Der Affe sitzt in einem ganz trostlosen Eisenkäfig. […]“ – Moritz Aissinger) können letztlich nicht widerlegt werden, im Gegenteil. Die Behauptung der fehlenden Kontextualisierung ist fragwürdig, weil sie die Bilder dadurch nicht weniger richtig machen.

Der Kriminalfall steht hierbei deutlich im Hintergrund und die Erzählung der Geschichte ist in diesem Fall sehr diffus und lässt die Vermutung offen, dass der Hirnforscher Nikos Logothetis rehabilitiert werden soll. Der Fall ist nämlich vor allem jetzt wieder aktuell, weil Logothetis noch zum Ende des Jahres seine neue Stelle in Shanghai antreten wird.


Sind es jetzt die Morddrohungen vermeintlicher TierschützerInnen? Ich würde durchschnittliche Stern-TV-ZuschauerInnen nicht im Bereich des radikalen Tierschutzes oder einer Tierrechtsbewegung zuordnen wollen. 

Ist es das „illegale“ (auf legalem Wege) Einschleusen des PETA-Tierrechtlers? Oder liegt der Kriminalfall darin begründet, dass ein Mensch im Namen der Forschung Experimente an Lebewesen macht und dabei nicht einmal ein konkretes Forschungsziel verfolgt? „Um den Vorwurf der Tierquälerei“, wie Andreas Sentker zu Beginn noch mal betont. 

Ich greife Letzteres auf, da sich hier der Hauptfokus der Diskussionsrunde befindet. Zunächst darf man hier die Frage der Befangenheit stellen, fällt doch beim Hören immer wieder auf, wie lobend über den Hirnforscher Nikos Logothetis gesprochen wird, der in der Öffentlichkeit in die Kritik geraten war. Vor allem der Gast Moritz Aissingler findet nicht ein kritisches Wort.

Nikos Logothetis ist Direktor am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen. Herr Andreas Sentker ist Mitglied in Kuratorien der Max-Planck-Institute in Martinsried und Tübingen. Diese Nähe zu Nikos Logothetis und damit einhergehende Befangenheit hätte deutlicher herausgearbeitet werden müssen, auch wenn es zu Beginn erwähnt wird. Betont wird vor allem, dass Andreas Sentker dort in der Position ist auch kritisch über die Arbeit des Instituts zu berichten. Das war in dieser Folge nicht spürbar.

Auch muss man dringend den Journalisten und Gast des Podcast Moritz Aisslinger kontextualisieren. Aisslinger tritt vor allem mit Publikationen rund um die Hirnforschung und dessen Akteuere in Erscheinung. So hat er 2019 im Ullstein Verlag mit dem Titel „Der Mann, der Gedanken liest: Mein Leben für die Hirnforschung“ die Erinnerungen des Neurowissenschaftlers Niels Birbaumer aufgezeichnet. Der Tübinger Hirnforscher Birbaumer geriet im April 2019 ebenfalls wegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens in die Kritik und wurde verurteilt. DIE ZEIT berichtete am 13. April 2019 über den Fall. Birbaumer musste die entsprechenden Publikationen seiner Forschungen an Locked-In-Patienten zurückziehen, darf für fünf Jahre keine Förderanträge bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft stellen und keine Anträge begutachten. Logothetis hat seinen Kollegen Birbaumer in einem offenen Brief in Schutz genommen und die DFG darum gebeten, das Urteil gegen Birbaumer und seinen Kollegen Chaudhary nochmals zu prüfen.(1)

Ich finde es in diesem konkreten Fall außerdem erwähnenswert, dass Aisslinger gemeinsam mit Niels Birbaumer und Nikos Logothetis zu den Freunden & Förderern des Philosophischen Labors Tübingen gehören. Wie objektiv hier eine Berichterstattung erfolgen kann, ist hochgradig fragwürdig.

Die Hirnforschung als solche wird ebenfalls immer wieder als absolut notwendig und positiv herausgearbeitet. Dass die Uni Tübingen auf diesem Gebiet wiederholt in der Kritik steht, findet keinen weiteren Eingang in die Episode. 

Das Thema Menschenversuche findet ebenfalls Erwähnung in dieser Folge, allerdings im absolut falschen Zusammenhang. ProbandInnen und StudienteilnehmerInnen stellen sich freiwillig zur Verfügung, werden nicht selten finanziell entschädigt. Ggf. darf hier die Frage diskutiert werden, ob eine finanzielle Ungleichheit manche Menschen dazu veranlasst das zutun. Dennoch (und das ist besonders wichtig) finden sich unter den freiwilligen menschlichen VersuchsteilnehmerInnen nicht selten welche, die selbst an einer bestimmten Erkrankung leiden und sich durch die Bereitstellung des eigenen Körpers Hilfe und Heilung versprechen. 

Das Thema Menschenversuche z. B. durch Robert Koch zur Erforschung der Schlafkrankheit in Ostafrika darf hier eher als Vergleichspunkt herangezogen werden, wobei hier keine Relativierung stattfinden soll. Benennen möchte ich es trotzdem, da dieses als Rechtfertigung der Versuche an Tieren genannt wird. Sowohl Tierversuche, also auch Menschenversuche an unwissenden Menschen oder ohne die Basis der Freiwilligkeit sind hier also eher zu vergleichen, das geschieht aber nicht. Illegale Menschenversuche verurteilen wir zu Recht (inzwischen) aufs Schärfste. Dennoch haben Versuche an Menschen der Wissenschaft auch Erkenntnisse gebracht, die heute noch von Nutzen sind und eine Basis und Grundlage bilden. Die NS-Medizin ist hier zu erwähnen und mit ihr Mengeles Zwillingsforschung oder Humanpräparate an denen Hirnforschung betrieben wurde. Letztere gab es zur NS-Zeit auch am Max-Planck-Institut. Hierzu findet seit diesem Jahr eine Aufarbeitung statt.(2) Auch die Antibabypille hat ihren Weg auf den Markt über den Versuch an Menschen gemacht.(3) Die Umstände lassen sich überall nachlesen.

Auf die Erkenntnisse möchte man nicht verzichten und es ist auch unrealistisch Wissen zu entfernen oder zu zensieren, dennoch gehört auch das zur Forschung dazu, wird dadurch aber nicht richtig. Wer also die Errungenschaften hervorheben mag, muss vollständig argumentieren.

Denn auch wenn diese Versuche und Methoden zur damaligen Zeit unter legalen Gesichtspunkten durchgeführt und erprobt wurden, sind wir uns heute einig, dass das aus moralischen Gesichtspunkten nicht zu vertreten ist. 

Und genau hier muss man ansetzen. Der Erkenntnisgewinn und die Methoden, die einst angewandt wurden, rechtfertigen den heutigen Einsatz der Selbigen nicht! 

Auch darf man an dieser Stelle (kurz) die Legitimation von Tierversuchen besprechen, denn die Argumentation sollte auch für WissenschafterInnen von Bedeutung sein. Vor allem angesichts dessen, dass man sich stets auf die Wissenschaftlichkeit des eigenen Handels beruft. 

Der Unterschied von Mensch und Tier wurde schon in der Antike diskutiert und ohne zu weit ausholen zu wollen, möchte ich wichtige Eckpunkte benennen. Diese sind wichtig für die Rechtfertigung von Tierversuchen bzw. der aktuellen Kritik an selbigen. 

Schon Aristoteles formulierte Gedanken zur Differenzierung von Mensch und Tier und begründete die Lehre des Vitalismus. Hier jedoch fielen Kinder in die gleiche Sektion wie Tiere. Ein Beispiel dafür, dass diese Konzepte stark variieren, Menschen gemachten Definitionen unterliegen und man sich damit befassen muss. Essenziell für das spätere Mensch-Tier-Verhältnis war aber die anthropozentrische Weltanschauung, welche maßgeblich durch Xenophanes geprägt wurde. Seine Thesen bestimmten das Bild von Tieren für Jahrhunderte und hatten großen Einfluss auf René Descartes spätere Arbeit. In seinem Buch „An Introduction to the Principles of Morals and Legislation“ setzte Descartes moralische Standard im 17. Jahrhundert und galt als Vater moderner Philosophie. Descartes behauptet in seinem Buch „Discourse of Method“, dass Tiere (im Gegensatz zum Menschen) nicht über eine Seele verfügen, Automaten sind, die kein Vergnügen oder Schmerz spüren können. Im Zeitalter der Aufklärung kam es vor allem in England zu einem aufkeimenden Forschergeist und WissenschaftlerInnen führten erste Versuche an Tieren durch. Zu dieser Zeit war es übrigens auch normal, dass an Leichen und Menschen geforscht wurde. Die Behauptung, jedwede Errungenschaft wie beispielsweise die Möglichkeit Operationen durchzuführen, fuße sich einzig auf Versuche an Tieren, ist mit einem Blick ins Geschichtsbuch schnell zu widerlegen. Solche Aussagen lassen entweder Rückschlüsse auf eine ausgeprägte Ignoranz gegenüber der Grausamkeiten der Medizingeschichte zu oder eine entsprechende Unwissenheit wenn es zu dieser Thematik kommt. Beides kann kritisiert werden, vor allem wenn betont wird, dass man wissenschaftliche Kenntnisse hat. Diese möchte ich auch niemandem absprechen, dennoch sind WissenschaftlerInnen vor allem in unserer heutigen Zeit keine Universalgelehrten und wer zu einer Thematik nicht über ausreichend Wissen verfügt, darf gerne andere ExpertInnen zu Wort kommen lassen. 

Damals stellten sich WissenschaftlerInnen durchaus die Frage nach der Moral und Ethik ihres Handelns bzw. durch das Aufkeimen erster Tierrechtsbewegungen wurden diese Fragen Teil eines gesellschaftlichen Interesses und öffentlicher Debatten. Man berief sich auf Descartes Aussagen, dass Tiere als gefühllose Automaten keinen Schmerz verspüren können und begann in einem extremen Ausmaß Forschung an toten und lebenden Tieren durchzuführen.(4) Wobei, wie auch heute, manchmal einfach bestehende Ergebnisse reproduziert werden. Nicht jeder Versuch ist bahnbrechend. In nur 0,3 Prozent der Versuche an Tieren kann man überhaupt auf den Menschen übertragbare und wissenschaftlich relevante Erkenntnisse erzielen.(5) Diese wichtige Zahl ist im Podcast leider nicht zu hören. 

Die Legitimation für diese Praktik ist in dem Irrtum begründet, dass Tiere keine Emotionen haben, keinen Schmerz verspüren können und das Ergebnisse vom Tier auf den Menschen übertragbar sind. Die WissenschaftlerInnen heute sind sich einig, dass Tiere sehr wohl Schmerzen spüren können und auch wird die Methode Tierversuch inzwischen immer häufiger kritisiert. Wer sich alter Praktiken bedient und veraltete Begründungen zulässt, muss sich die Frage der Wissenschaftlichkeit gefallen lassen.

Nun wird im Gespräch deutlich, dass alle GesprächsteilnehmerInnen kein Problem mit Käfigen und offenen Köpfen haben. Die euphemistische Beschreibung der OP-Räume, der von Stern-TV gezeigten Bilder (die auch durch den Kontext nicht unwahr werden!) und der zynische Satz, dass man sich da auch gerne selbst auf den OP-Tisch legen würde, ist angesichts der Tatsachen absolut pietätlos. Zudem ist diese Beschreibung extrem unsachlich und irreführend. „Der [OP-Saal] hatte alles, was man braucht. Der war steril, der hatte eine super Geräteausstattung. Der hatte eine richtig klassische, gute Narkoseausstattung für die Tiere, das ist schon ungewöhnlich.“, schwärmt Andreas Sentker über die Ausstattung des Versuchslabors und vergisst dabei auch, dass wir in Deutschland ein Tierschutzgesetz haben und man beispielsweise nicht einfach nach belieben Tiere aufschneiden kann. Kurzum: Das ist wohl das Mindeste und nicht positiv herauszustellen. 

Wir sprechen hier über Lebewesen, die auf unfreiwilliger Basis operiert werden. Sabine Rückert betont an dieser Stelle ebenfalls, dass die Tiere faktisch nicht krank sind und trotzdem operiert werden. Im Anbetracht des Settings (ein Kriminalprodcast) sind die Beschreibungen rund um die Einrichtungen und das Leben der Affen dort der blanke Hohn. Die Tiere dürfen hier als Opfer verstanden werden und nur weil ein TV-Gerät zur Verfügung stand, entschuldigt dies nicht die Eingriffe, das Leben in Gefangenschaft, die Schmerzen und Qualen an den Tieren. Ich hoffe eindringlich, dass so nie über andere Tatorte gesprochen wird. Um es zu verdeutlichen, wenden Sie Ihren eigenen Sprech doch einmal auf einen anderen Kriminalfall an. 

Das Herunterspielen der Zahlen ist fast schon tendenziös. Laut des Deutschen Primatenzentrums werden in Deutschland jährlich 2,7 bis 3 Millionen Tiere für Forschungszwecke eingesetzt (6), denen teilweise massive Schmerzen zugefügt werden. Laut der ZEIT wurden im Jahr 2017 in Deutschland 3,9 Millionen Tiere für die Forschung gezüchtet und ohne wissenschaftliche Verwendung getötet. (7) Die Einteilung in Schmerzgrade wird im Gespräch angeführt, obwohl auch fraglich ist, wie genau diese Aussagen sind. Die Schmerzbelastung müsste nämlich für jeden Versuch festgestellt und dokumentiert werden. Das ist in der Praxis nicht der Fall. Der betonte Anteil von „nur“ 6 Prozent der sog. schweren Schmerzbelastung ergibt in Summa immer noch 160.000-180.000 Tiere, die schwersten Schmerzen ausgesetzt sind. Jährlich.  Weiter wird herausgestellt, dass nur 0,1 Prozent der Versuchstiere in Deutschland Affen sind. (8) Das wären laut Adam Riese aber auch immer noch 2700-3000 Tiere. In dem Fall von Nikos Logothetis betrug der Anteil der Affen im Versuchslabor übrigens 100 Prozent.

Auch die Zahl der Tiere, die für wissenschaftliche Zwecke getötet werden (im Jahr 2014 waren das 28,2 Prozent und somit 761.400-846.000 Tiere (9)), findet gar kein Eingang in die Debatte. Und der Vollständigkeit halber möchte ich noch erwähnen, dass letztlich fast alle Versuchstiere irgendwann getötet werden! (10)

Der Stand der heutigen Medizin und der Einfluss von Tierversuchen ist keine Legitimation diese stets zu reproduzieren. KritikerInnen betonen oft, dass Ergebnisse von Tierversuchen nicht übertragbar oder repräsentativ sind. (11) Das liegt auch an der unterschiedlichen Funktion und Ausformung der Organismen. Bestimmte Wirkstoffe können zudem für eine Spezies toxisch sein, für andere nicht. So wäre ein Mittel wie Aspirin nach heutigen Standards nie auf den Markt gekommen, da Acetylsalicylsäure eine erbgutschädigende Wirkung auf einige Tiere hat und z. B. zu embryonalen Fehlbildungen bei Katzen, Hunden, Affen, Mäusen, Kaninchen und Ratten führen kann. (12)

Entgegen der Behauptung im Podcast war der Tierversuch nicht maßgeblich für die Entdeckung von Penicillin. Denn der Schimmelpilz, der durch seinen Neuentdecker seinen Namen erhielt, wurde schon 1874 von Theodor Billroth als antibiotisch beschrieben. Das wurde von Alexander Fleming 1928 bestätigt und die bekannte Wirksamkeit wurde dann zehn Jahre später nochmals in einem Tierversuch verifiziert. Allerdings war, wie schon gesagt, die antibiotische Wirksamkeit hier bereits klar.  (13) Zudem möchte ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, dass in den Jahren 1946-1948 weitere Versuche mit Penicillin durchgeführt wurden, diesmal an Menschen. Im sogenannten Syphillisexperiment in Guatemala wurden Strafgefangene und geistig behinderte Patienten in Guatemala vorsätzlich mit Syphilis infiziert, um die Wirksamkeit von Penicillin zu untersuchen. 83 Versuchspersonen starben. (14) Wer also den Tierversuch mit der Erforschung von Penicillin rechtfertigen mag, darf diese Menschenversuche bitte nicht vergessen. Die vorgeschriebenen Wirkstofftests heutzutage hätten den Wirkstoff übrigens nie auf den Markt gebracht, da Penicillin tödlich für Meerschweinchen, Kaninchen, Hamster und Chinchillas ist. (15) (16)

Im Bereich der Hirnforschung gibt es bedeutende Entwicklungen ganz ohne Tierversuche. So kam die Entwicklung des Hirnschrittmachers zur Tiefenhirnstimulation bei der Parkinson-Behandlung in Gänze ohne Versuche an Tiere aus. (17) Auch ist zu erwähnen, dass österreichische ForscherInnen rund um Jürgen Knoblich schon im Jahr 2013 aus Stammzellen ein sogenanntes „Mini-Gehirn“ in der Petrischale gezüchtet haben, woraus sich in den letzten Jahren noch Vorstöße rund um andere Organe entwickelten. Diese Organoide könnten in erster Linie dafür genutzt werden menschliche (Hirn-) Erkrankungen zu erforschen und viele Tierexperimente zu ersetzen, da sich viele Prozesse im Tierversuch nicht abbilden lassen. (18)

Zu behaupten, es gäbe keine Alternativen zum Tierversuch, ist ein Seitenhieb für all jene ForscherInnen, die sehr wohl Methoden entwickelt haben und entwickeln. 

Auf die hochgelobten Errungenschaften der Medizin mittels Tierversuche möchte ich noch mal eingehen. Zellkulturverfahren sind inzwischen eine weitverbreitete Alternative zu Tierversuchen, genauso wie Biochips, auf denen Organsysteme des menschlichen Körpers nachgebildet und miteinander vernetzt werden können. (19)

Um die Komplexität des Themas zu erklären und warum der Tierversuch als Goldstandard gilt, möchte ich das Beispiel des tierfreien Pyrogentests erwähnen. Thomas Hartung hat einen Test entwickelt, der Versuche an schätzungsweise 400.000 Kaninchen obsolet machen würde. Die Zulassung der Methode dauert bis zu 15 Jahre, zudem müssen internationale Pharmafirmen für andere Länder den Tierversuch vorweisen, also wird von der Alternativmethode abgesehen. (20) Die Wissenschaft folgt hier nicht der Logik, sondern dem Gesetz oder den staatlichen Subventionen. Denn diese sind ebenfalls wesentlich leichter zu erhalten, wenn man altbekannte Forschungsmethoden wählt. So gehen 99,x Prozent der öffentlichen Fördergelder in die Forschung mit Tierversuchen und 0,y Prozent an tierversuchsfreie Forschung. In Zahlen sind das mindestens 4,44 Milliarden (gesicherte Untergrenze) Euro für Tierversuche und 20,46 Millionen Euro für tierversuchsfreie Forschung. (21) Um diese Zahl mal in Relation zu setzen: Alleine an das von Ihnen erwähnte Deutsche Primatenzentrum fließen jährlich 21,3 Millionen Euro zur Primatenforschung. (22)

Die Kosmetikbranche wird ebenfalls genannt und auch hier stimmen die Fakten nicht. Im Jahr 2013 traten europaweite Verbote von Tierversuchen für kosmetische Inhaltsstoffe in Kraft. (23) Auch wenn die Hersteller einige Schlupflöcher nutzen oder beispielsweise ihre Ware in China anbieten (wo Tierversuche maßgeblich für die Markteinführung sind), verzichten inzwischen sehr viele Hersteller komplett auf diese Versuche.

Zum Schluss möchte ich noch eine offensichtliche Falschaussage bzw. Behauptung Aissinger widerlegen. Dieser behauptet nämlich, dass Nikos Logothetis entgegen des Vorwurfs die lascheren Regularien in der Forschung an seinem neuen Forschungsstandort in China auszunutzen, seine ethischen Standards beizubehalten will. Andreas Sentker bringt diesen Punkt explizit an und spricht auch das Thema klonen an. 

„Er [Logothetis] sagt, es wäre absoluter Quatsch wenn ich diese Standards, die ich in Deutschland und in Amerika eingeführt habe in China, nur weil ich es nicht muss, nicht mehr machen würde. Weil dann die Affen viel schlechter ihre Übungen machen würden.“

Hier ein Zitat von besagtem Forscher aus der Stuttgarter Zeitung vom 11. Februar 2020: „Die Versuchstiere sind genmanipulierte Affen. Auch das Klonen ist in China erlaubt und bietet neue Möglichkeiten, um etwa herauszufinden, wie wir Alzheimer besser behandeln können. Ich habe damit keine ethischen Probleme.“ (24)

Damit beende ich meine Analyse und würde mich mit einer kritischen Auseinandersetzung dieses komplexen Themas freuen.

Forschung lebt vom Fortschritt.

Die besten Grüße,

Victoria Müller // Victoria van Violence

Quellen:

(Alle Quellen wurden zwischen dem 24.06.2020 und dem15.07.2020 aufgerufen. Aus Zeitmangel einfache Zitierweise)

(1): https://www.laborjournal.de/editorials/1926.php

(2): https://aktuelles.uni-frankfurt.de/aktuelles/unterstuetzung-fuer-ein-projekt-der-max-planck-gesellschaft-zur-hirnforschung-in-der-zeit-des-nationalsozialismus/ 

(3): https://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/210997/55-jahre-pille-

(4): Siehe dazu auch Dr. Med. Gennaro Ciaburri: Die Vivisektion(1993) und Steiner, Gary: Anthropocentrism And It´s Discontents (2010)

(5): https://www.dfg.de/download/pdf/dfg_magazin/gremien_politikberatung/tierschutz2015/dialogforum_tierversuche/ziel-und_zweckbewertung_tierversuche.pdf (Seite 16 ff.)

(6): https://www.dpz.eu/de/abteilung/ueber-tierversuche/zahlen-und-fakten/versuchstierzahlen-in-deutschland.html

(7): https://www.zeit.de/wissen/2020-04/tierversuche-zuechtung-toetung-forschung-labormaeuse

(8): https://www.tierversuche-verstehen.de/tierarten-und-ihr-einsatz-in-der-forschung/

(9): https://www.dfg.de/download/pdf/dfg_im_profil/geschaeftsstelle/publikationen/tierversuche_forschung.pdf (Seite 11)

(10): https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/tierversuche-leben-nach-dem-labor-fuer-versuchstiere-ein

(11): Greek, Rey, Andre Menache: Systematic Reviews of Animal Models: Methodology versus Epistemology. International Journal of Medical Sciences 2013: 10; 206-221

(12): https://www.zeit.de/wissen/2016-04/tierversuche-zulassung-kritik-medikamente-usa-alternativen

(13): https://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/de/sonstige/2752-1929-penicillin

(14): http://scienceblogs.de/frischer-wind/2010/12/20/das-tuskegeeexperiment-und-die-grenzen-medizinischer-forschung/

(15): https://www.aerzteblatt.de/archiv/43418/Tierversuche-Die-Relevanz-fuer-den-Menschen-ist-umstritten

(16): Dobson M: Die Geschichte der Medizin, National Geographic History 2013; Band 373: S. 186 ff 

(17): https://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/de/infos/tiefergehende-infos/humanmedizin/2148-parkinson-behandlung-mit-tiefenhirnstimulation-hirnschrittmacher

(18): https://www.wiwo.de/technologie/forschung/krebs-organoide-ersetzen-tierversuche/14567460-2.html

(19): https://www.bmbf.de/de/alternativen-zum-tierversuch-412.html

(20): https://www.swr.de/odysso/tierversuchsfreie-forschung/-/id=1046894/did=21899134/nid=1046894/14i9i2c/index.html

(21): https://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/images/pdf/forschungsfoerderung.pdf

(22): https://www.dpz.eu/fileadmin/content/Kommunikation/1_Internet/4_Infothek/Gedrucktes/2018_Zahlen-Fakten_HP.pdf (Seite 22 ff.)

(23): https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/IP_13_210

(24): https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.tuebinger-hirnforscher-nikos-logothetis-als-forscher-gelte-ich-als-krimineller.22ebf25f-1a33-48c6-bb01-fe91a4682eef.html

2 Comments

  1. Gudrun

    Hallo Victoria,
    auch ich fand die Podcastfolge furchtbar – und auch furchtbar schlecht!
    Danke, dass du dir solche Mühe gegeben hast, dich kritisch damit auseinanderzusetzen und eine Stellungnahme der Zeit einzufordern.
    Allerdings wundere ich mich sehr darüber, dass die Aussagen und Richtigstellungen in deinem Text nicht mit Quellenangaben versehen sind. Gerade an Stellen, wo harte Fakten (z.B. „0,3 Prozent“) genannt werden, ist eine Quellenangabe essentiell für die Glaubwürdigkeit und Qualität der Informationen. Ich würde mich sehr freuen, wenn du den Text noch um entsprechende Quellen ergänzen könntest.
    Viele Grüße, Gudrun

    1. victoriavanviolence

      Liebe Gudrun, danke für deinen Input. Da es sich um einen Leserbrief handelt, empfand ich die Quellenangabe nicht als essentiell. Adressat war ein Medium, das selbst i.d.R. nicht mit Quellen arbeitet. Aber zur besseren Nachvollziehbarkeit habe ich, habe ich die Quellen eingefügt und alles kann nachgelesen werden. Wenn es ging, habe ich sogar Die ZEIT als Quelle angegeben.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.