PIETAETLOSIGKEIT PAR EXCELLENCE

Berlin – 27.03.2015
Eigentlich wollte ich mir solche Themen echt klemmen. Zum einen, weil man sich auf wahnsinnig dünnes Eis begibt, da man bei sensiblen Themen genau wissen muss, WAS man WIE sagt und zum anderen, weil man genau recherchieren muss und eine gewisse Verantwortung trägt (was in jüngster Zeit in vielen Medien mal wieder gehörig in die Hose ging). Und nicht nur da! Das ist auch der Grund, wieso ich jetzt mal meinen subjektiven Scheiß dazusenfen muss, weil es mit der Enthaltung einfach zu oft zu schwer ist. Das muss kurz alles raus. Und go!

„Bestürzung“ war das Wort, welches ich im Zusammenhang mit dem Flugzeugabsturz vom 24.03.2015 am häufigsten gelesen und/oder gehört habe. Bestürzung? Seriously? Absturz und Bestürzung verfügen über den gleichen etymologischen Wortstamm. Dass diese Wortwahl etwas, sagen wir mal, komisch ist, fällt aber vielleicht auch nur einem Germantistik-Nerd auf.
Ich verfolge sehr gespannt, was so in den Medien passiert, lese/sehe/höre täglich Nachrichten und bilde mir zu Themen meine Meinung (wie man das halt so macht). Um das Thema mit dem Flugzeugabsturz kommt man aktuell nicht herum und die Medien scheißen einen regelrecht zu mit Informationen (seien sie nun informativ oder nicht – Letzteres ist jüngst irgendwie eher der Fall). Berichterstattung ist gut und wichtig, aber in den letzten Tagen haben einige Menschen dabei die Intention des Journalismus gänzlich aus den Augen verloren und das Thema wird zur Zeit dermaßen ad absurdum geführt, dass man als Rezipient kopfschüttelend, gar sprachlos vor diesem vermeitlichen Informationshaufen steht.
Neu ist das jetzt nicht, in diesem Fall ist es aber vor allem eines; pietätlos.
Wie sich die Angehörigen fühlen müssen, möchte ich gar nicht wissen – das muss so schrecklich sein. Ein solches Unglück ist immer schlimm – und hinterlässt bei den Betroffenen tiefe Wunden. Das soll jetzt aber nicht Thema hier sein.

Was mich wirklich schockiert hat, war die Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft Marseille, die ich gestern zufällig live im TV gesehen habe. Flugschreiber und Blackbox wurden gefunden und ausgewertet; welche Informationen beinhaltet waren, wissen wir alle. Der Staatsanwalt Brice Robin ließ verlauten, dass der Co-Pilot des Flugzeuges (dessen Name einfach mal vollständig erwähnt wurde) das Flugzeug absichtlich abstürzen ließ. Irgendwie irritierte mich diese Äußerung. Denn was wirklich passiert ist, kann man in Gänze wohl nicht sagen. Sprich; es ist Spekulation.
Zu dieser Zeit waren die Angehörigen auf dem Weg zur Unglücksstelle, so auch die Angehörigen des Co-Pilots der binnen weniger Sekunden zum „Monster“, „Mörder“, „Psychopathen“ wurde.
Ich weiß nicht, wie es anderen Menschen dabei ging, aber ich habe wirklich vor meinem TV-Gerät gesessen und mich gefragt, ob die uns alle verarschen wollen.
Wie kann man aus Mutmaßungen Tatsachen machen und wie kann man diese dann direkt derart selbstbewusst raushauen?
Die Angehörigen waren zu diesem Zeitpunkt sowieso nicht mehr relevant. „Alles vorbei, denn ab heute geht es um einen Kriminalfall. Ab sofort macht der mutmaßliche Täter Quote. Tatsächlich waren die Opfer schon gestern und am Dienstag völlig egal. Schon da ging es eigentlich nur um das Spekulieren, das Zeigen von Trauernden, das Interviewen von Trauernden und überhaupt das Interviewen von jedem, der nicht bei drei auf den Bäumen war.“ (Danke Thomas, dass ich diese eloquenten Worte zitieren durfte)

Zack wurde das Haus des Co-Piloten gezeigt, seine Facebook-Seite wurde analysiert und man fand heraus, dass der Mensch vor einiger Zeit an einer Depression litt.
Plötzlich hatte der aufgebrachte Internet- und Pressemob jemanden, den man ganz konkret verantwortlich machen konnte. Und man hatte auch direkt einen Grund; er wollte sich umbringen (weil er psychisch krank war) und dabei möglichst viele Menschen mit in den Tod nehmen.
Irgendwie habe ich da wohl den Anschluss verloren; hat er das gesagt? War das auf dem Flugschreiber so zu hören? Abschiedsbrief? Ärztlicher Befund?
Ist eine vorangegangene Depression jetzt schon Grund, jemanden als Psychopathen zu degradieren.
Sind alle Menschen mit Depressionen fähig, sich und hunderte andere Menschen mutwillig zu töten?
Wenn das alles so einfach wäre. Die Überschriften der großen deutschen Boulevard-Blätter haben mit der vermeintlichen (bestätigt ist auch hier noch nicht wirklich was) psychischen Erkrankung des Co-Piloten ja schon den Grund umfassend ausgemacht. „Germanwings-Absturz: Copilot war wohl psychisch krank“ titelte die Welt. Spiegel online begründete die knallharten Fakten so „Dabei fanden sie nach Informationen des SPIEGEL Hinweise darauf, dass der 27-Jährige psychisch krank war. Um welche Indizien es sich handelte, ist unklar. Die „Bild“-Zeitung berichtete ebenfalls über eine mögliche psychische Erkrankung des Co-Piloten, beruft sich allerdings auf einen sechs Jahre alten Aktenvermerk des Luftfahrtbundesamts.„
Der Focus wird da noch konkreter: „Psychose oder Welthass: Warum Lebensmüde Unschuldige mit in den Tod reißen.„

Und dabei wird wohl vergessen, dass es Menschen gibt die sehr sensibel auf neue Berichte reagieren, da sie davon direkt betroffen sind. Alle anderen teilen sich wohl in zwei Gruppen auf; die einen wollen bestätigte Informationen darüber haben, was wie wann wo passiert ist und der Rest will einfach nur entertaint werden – koste es was es wolle. Und da passt die medienethisch fragwürdige Berichterstattung gut dazu. Sender und Rezipient nehmen sich in vielen Fällen wirklich nichts. Dem Fall wäre gut geholfen, wenn sich alle etwas runterfahren – bestätigte Fakten abwarten und Spekulationen lassen.
Daran ändern auch Vergeltungs-Facebook-Seiten nichts.

17 Comments

  1. Juliane

    Danke! Danke!

    Endlich mal jemand der sich nicht nur von den Medien leiten lässt.
    Ich war wirklich schockiert das so schnell jemand gefunden wurde der die Schuld daran trägt.

    Noch mehr schockierte mich aber, dass viele Menschen die in der Öffentlichkeit stehen – und sich dazu äußerten – noch nicht mal so viel Anstand hatten sachlich zu bleiben. Sie wurden unhöflich und sogar beleidigend gegenüber den Toten Co-Piloten.

    Es tut wirklich gut etwas anderes dazu zu lesen.

  2. Mario

    Word!
    Besser kann man das nicht in Worte fassen! Auch ich bin erschüttert darüber, wie jedes Boulevard Blatt nun zum Profiler wird und seine wilden Mutmaßungen in den Raum schmeißt.

  3. Hessi

    Danke für die tolle Ausführung!
    Du sprichst mir damit quasi aus der Seele.
    Ich finde es sehr erschütternd, dass der tote Co-Pilot jetzt überall als „Mörder“ dargestellt wird; er agiert jetzt sozusagen als „Bauernopfer“ und sorgt dafür, dass der Absturz nicht mit Germanwings bzw. der Lufthansa assoziiert wird. Hauptsache, man kann einem anderen die Schuld in die Schuhe schieben. Und das Beste dabei: derjenige ist ja nun tot und kann sich nicht mehr zu den Vorwürfen äußern. Keiner kann wissen, was genau zu dem Absturz geführt hat. Ich jedenfalls denke nicht, dass es (allein) die Schuld des Co-Piloten war. Das ist bloß die einfachste, unkomplizierteste Variante, es in der Öffentlichkeit darzustellen.
    Verfluchte Medien!

    LG

  4. Stephy

    Danke!
    Die Spekulationen widern mich an, ich kann es nicht nachvollziehen, dass der komplette Name genannt wurde. Es wurde eine Facebookseite erstellt, dort wird gehetzt was das Zeug hält und diese wird von FB nicht entfernt. Das, was passiert ist, ist schlimm, keine Frage, aber was die Presse da gerade abliefert ist an Fremdschämen nicht zu übertreffen.
    Ich kann einfach nur noch mit dem Kopf schütteln…

  5. Rike

    Du sprichst mir aus dem Herzen, ich komm seit Tagen aus dem Kopfschütteln über diese Art der Berichterstattung nicht mehr raus. Ich bin auch der Meinung dass Informationen gut und sehr wichtig sind, aber es wird meiner Meinung nach auch viel zu sehr gehypt. Sind für einen ungelogen sehr tragischen Unfall wirklich zwei Brennpunkte im Ersten nötig?! Ich will das Geschehen nicht runterreden, aber es gibt so viele Schrecklichen Vorkommnisse in der Welt, die maximal kurz in den Nachrichten erwähnt werden und das wars. Ich will nicht darüber urteilen oder ein Ranking bilden, was schrecklicher ist, aber sobald Deutsche betroffen sind, ist es gefühlt schlimmer, als wenn andere Bevölkerungsgruppen, egal wo auf der Welt betroffen sind.

  6. ParsivalParPandemonium

    Wow! Hier gehts wohl nicht um inhaltliche Qualität, als eher darum: wie packe ich möglichst viele Fremdwörter in einen möglichst langen Text! Maximal 5 Sätze hätten genauso viel Aussagekraft gehabt! Da „hört“ sich wohl jemand gerne „schreiben“!

    Nicht dass ich nicht voll und ganz Ihrer Meinung wäre, was Pietät usw anbelangt…!

    News-technisch (Bild, Spiegel, Facebook….) sind Sie dann wohl auch auf dem neuesten Stand und haben für jede Menge Clicks und Quote gesorgt.

    Ein bekannter deutscher Dichter sagte mal ganz simpel: „tadle stets nur solche Sachen, die Du selbst kannst besser machen“

    In diesem Sinne, einen schönen Abend noch!

  7. Sophie

    DANKE, du schreibst mir aus der Seele. Mit Berichterstattung haben die Schlagzeilen schon lange nichts mehr zu tun. Alleine die Tatsache das ein Mensch der an Depressionen litt nun automatisch zum Psychopathen und Monster gemacht wird ist erschreckend und kann nur aus der Feder völlig planloser stupider Menschen stammen. Es musste eben schnell ein Sündenbock gefunden und die Menschheit mit „Futter“ versorgt werden. Nicht auszumalen, was seine Familie und auch die Familien aller Opfer jetzt durchmachen müssen. Mein Beileid gilt den Angehörigen der Passagiere, der Crew und beider Piloten.

  8. Susa

    Genau diese Gedanken gehen mir auch durch den Kopf.
    Die Medienberichte stinken meiner Meinung nach enorm zum Himmel.
    Es war klar, dass wieder – komme was da wolle – ein Schuldiger gesucht wird….
    dass dies auf Basis solch schwammiger Informationen getan wird und in diesem Ausmaß ist erschreckend …. und es ist einfach nur traurig…

  9. Marcel

    Dem Ganzen kann ich nur zustimmen. Ich verfolge seit Jahren nun nicht wirklich mehr die Medien im TV oder in der Zeitung. Ich überfliege lediglich die Titelblätter von Zeitungen beim Einkaufen oder bekomme bereits genügend Posts auf der Startseite von Facebook. Doch das aktuelle Thema scheint hohe Wellen zu schlagen, da scheinbar jede Zeitung mit einer noch absurderen Schlagzeile die anderen übertreffen will. Was ich allein durch einen etwas längeren Bericht auf Facebook zum Absturz mitbekommen habe, ist dass keiner der Experten zum jetzigen Zeitpunkt sich sicher ist, was genau vorgefallen ist UND ob der Co-Pilot wirklich die Hauptschuld daran trägt.
    Das Problem ist nur, dass die Medien, wie bereits erwähnt hast, voreilig einen Schuldigen festgelegt hat und im Endeffekt jeder schon die „Wahrheit“ kennt.
    Man merkt dann, dass gewisse Menschen fleißig solche Zeitungen lesen und anstatt das ganze zu hinterfragen, brav kopfnickend die ganzen Informationen bejahen. Keiner fragt sich, was nun passiert, wenn nun der Co-Pilot KEINE Schuld an dem Absturz hat. Wenn er unschuldig ist, wird jeder so tun, als hätte er nicht an den Unsinn geglaubt. Aber es ist, wie es ist. Erst mit der Zeit werden wir sehen, was wirklich wahr ist oder ob wir überhaupt die Wahrheit erfahren und dann in Verschwörungstheorien baden dürfen.

  10. Stefan

    Nun ich frage mich wer hier der „arme“ ist. Der Pilot der mit seinem Selbstmord 149 andere mitnimmt oder die anderen? Über die Art der Berichterstattung kann man sicher diskutieren, aber den Täter zum Opfer zu machen ist ein absolutes nogo. Fakten über Zugangssysteme zu einem Flugzeugcockpit sind eben Fakten. Punkt. Wenn jemand diese aktiv beeinflusst wird er zum Täter. In diesem Fall zum Massenmörder. Punkt. Daran kann auch eine Paranoia gegen alles und jeden nichts ändern.

  11. Anonym

    Es gibt Menschen die sich mit Übel und Ungerechtigkeit (nach eigener Definition) auseinander setzen sowie Menschen die es nicht tun können oder wollen und sich auch gerne ablenken lassen von Konsum und Unterhaltung.

    Beide Gruppen haben eine große Lobby, die Weltverbesserer genauso wie die Hetzer ect. und stacheln sich immer weiter auf.

    Die Fragen die ich mir immer wieder stellen muss um nicht in meine persönlichen Verhaltensmuster zu fallen und demut vor dem Leben auf Erden zu haben sind:

    Sich besser bewerten als andere ist das gut?

    Sich anzumaßen ein Urteil über andere zu fällen einen Mensch zu bewerten wie er lebt was er denkt oder tut ist das nicht anmaßend?

    Sind die Beweggründe einer menschlichen Handlung nicht zu komplex um das als außenstehende Person erfassen zu können?

    Es wäre schön wenn die Menschen irgendwann die Verbundenheit mit allem was sie umgibt wieder erkennen würden und wenigstens ein Stück weit Ihr eigenes Ego in den Hintergrund stellen.
    Am Ende sind wir alle Menschen die irgendwie nach einem Sinn im Leben suchen.

    p.s. Das ich hier überhaupt etwas schreibe bringt mich persönlich auch in einen Zwiespalt, da ich hier wohl auch versuche eine von mir als kleinem Menschen aufgefasste „Wahrheit“ zu verbreiten – ich bin auch nicht besser als alle anderen.

  12. Weedersehen

    Zu Stephan um 10:22
    …Nehmen wir mal an er hätte einen Infarkt erlitten, oder sonstwelche körperlichen Probleme erlitten. Erklär mir doch nun mal wie ein Bewusstloser oder gar Gelähmter die Tür von innen öffnen soll, selbst wenn er es wöllte. Mutwilligkeit ist eine Unterstellung derer die nichts Wissen. Oder warst du mit im Cockpit u hast beobachtet das er nicht wollte? – Deine Rede kurzer Sinn –

  13. Anni Rosvally

    Den Text trifft es auf den Punkt! Nur mir schleicht sich sogar der Gedanke in den Kopf, ob da seitens Lufthansa nicht sogar Geld geflossen ist, denn seien wir mal ehrlich…Ich glaube nicht, dass der Co-Pilot alleine Schuld war, aber bevor niemand mehr mit der Lufthansa fliegt versucht man die Schuld auf eine einzelne Person abzuwälzen. Ist doch besser für den Profit oder? Aber naja. Mal sehen, wie die Geschichte endet.

  14. Nozomi

    Du sprichst mir wie so oft aus der Seele!
    Wie dieser Mensch, der sich selbst nicht mehr verteidigen kann medial zerrissen wird widert mich an.
    Abgesehen davon fühle ich mich durch persönliche Betroffenheit durch die Darstellung depressiver Menschen als potentielle Massenmörder stark stigmatisiert, hier ist ein deutlicher Rückgang der Akzeptanz gegenüber seelischer Erkrankungen sichtbar.

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