NOT HIDING ANYTHING …

…because this is what body positivity is about.

In einer Gesellschaft in der Eigenlob stinkt, mit einem Wirtschaftssystem, welches von unseren Selbstzweifeln, unserer Unsicherheit und vermeintlichen Makeln profitiert, sind Begriffe wie Selbstliebe und Zufriedenheit nicht gerne gesehen. Ein Mensch, der sich öffentlich zu sich selbst bekennt, wird nicht selten als arrogant abgestempelt, gar als Narzisst abgetan. Ein Fehler im System, nicht nur im großen Ganzen, auch in jedem Individuum. Schon als Kind bekommen wir indoktriniert, dass wir stets besser zu sein haben, dass es auf Leistung ankommt, da wir ohne Leistung nicht das Leben leben können, was gesellschaftlich als erstrebenswert gilt. Gute Note und gutes Aussehen sind vielen Eltern so wichtig, dass sie dabei die Bedürfnisse – ja sogar die Fähigkeiten – des eigenen Kindes völlig übergehen. Nur um gesellschaftlich nicht aufzufallen, damit die Nachbarn nicht tuscheln oder man beim Elternabend kritisch beäugt wird. Dieser Optimierungswahn zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben von Mädchen und Jungen; wir bekommen infiltriert wie wir zu sein haben, was gut ist und was schlecht. Jungs tragen blau und spielen mit Autos, Mädchen tragen rosa und spielen mit Puppen. Und alle müssen gut aussehen, möglich nicht auffällig sein und gute Leistungen erbringen.

Diese Geißelung des eigenen Ichs wird zunehmend optischer, schon als Kind werden kräftige und schlanke Kinder ausgegrenzt. Blasse Kinder gelten als kränklich, dicke und dünne Kinder als ungesund und Kinder die sich irgendwie anders vom Rest der Gruppe unterscheiden (sei es durch Hautfarbe, eine Behinderung oder andere Attribute die gesellschaftlich nicht als „normal“ gelten) werden nicht selten komplett ausgeschlossen, gehänselt und ihnen wird schon früh suggeriert, dass sie nicht dazu gehören. Wie sollen wir HIER lernen uns selbst zu lieben, zu akzeptieren – uns sogar großartig, liebenswert und einzigartig zu fühlen? Im Strudel dieses Systems gehen eigene Bedürfnisse unter und viele Menschen fügen sich deshalb dem gesellschaftlichen Druck. Sie bringen Leistung, versuchen sich zu optimieren und wenn sie den Anforderungen nicht gerecht werden, dann fühlen sie sich schlecht und suchen die Schuld bei sich – und nicht am System.
Nicht jeder Mensch entspricht aber dem was wir gemeingesellschaftlich als „normal“ titulieren und das ist ganz wunderbar. Seit einiger Zeit befasse ich mich sehr eingehend mit der Thematik rund um Bodyshaming und Body positivity, teile viele Beiträge darüber in den sozialen Medien und bin sehr häufig sehr erstaunt über die Resonanz.

Konkret möchte ich auf einen speziellen Fall eingehen, der ziemlich deutlich zeigt, wie gefangen diese Gesellschaft noch im Umgang mit Offenheit, Selbstliebe und Akzeptanz ist. Vor einiger Zeit habe ich ein Bild von mir gepostet, auf dem ich einen BH trage und am Boden liege. Mein Brustkorb sticht sehr stark hervor und die Rippen zeichnen sich deutlich ab. Für mich ein normales Bild, da es immer so aussieht wenn ich liege und nicht unbedingt ein Shirt die Aussicht verdeckt. Für andere Menschen der totale Schocker und Indiz dafür, dass ich nicht gesund bin. Es passte schlichtweg nicht in das gesellschaftliche Bild eines gesunden und normalen Menschen. Und entsprechend wurde die Kommentarsektion unter dem besagtem Bild auch genutzt. Meinungen wurden zu Wahrheiten und aus einem Empfinden wurde Kritik. Kritik woran? Kritik an meinem Körper?
Ich möchte mich nicht zu sehr an diesem Fall aufhängen, da es für eben jenes Phänomen noch zig weitere Beispiele aufzuführen gäbe. Wer sich aktiv in den sozialen Medien bewegt und die Kommentare anderer Menschen liest, wird schnell fündig. „Zu dick“, „zu groß“, „zu klein“, „zu dünn“, „ungesund“, „krank“, etc. Diese Grundbeurteilungen lassen sich dann beliebig erweitern und sind nicht selten sehr beleidigend. Neulich las ich z.B. unter einem Bild „was will die fette Plantschkuh mit ´nem Bikini“ und mich hat das sehr getroffen – hierbei handelte es sich nicht einmal um ein Bild von mir. Mir tat es Leid für die attraktive und selbstbewusste Frau auf dem Foto, die ihren Körper zeigte und sich solchen Beurteilungen stellen musste.

Das häufigste Argument, um solche Art der Beurteilungen zu rechtfertigen ist: „Wer sich präsentiert (ob virtuell oder real), der muss damit umgehen können!“ Ich frage ganz bewusst: „Ist das so?“ Müssen wir damit umgehen, dass andere Menschen uns beleidigen und abfällige Bemerkungen über unser Äußeres machen? Ich finde nicht! Ich denke niemand muss sich das bieten lassen; kein Kind muss sich hänseln lassen, weil es eine Brille trägt und kein erwachsener Mensch muss sich dumme Kommentare anhören, weil die Nase krumm ist. Denn durch die negative Beurteilung machen wir genau das, was wir im Kindergarten schon gelernt haben; wir schließen Menschen die „anders“ sind aus. Und diese Menschen müssen damit umgehen. Und nicht jeder kann das ohne Probleme. Was letztlich wiederum zu Selbstzweifeln, einem Optimierungswunsch (um gesellschaftlich nicht mehr aufzufallen), sogar zu Selbsthass führen kann. In erster Linie sind es nicht die Menschen im Fernsehen und in den Magazinen, die Körper haben und diese zeigen oder auch nicht, es ist unser Denken und der gemeingesellschaftliche Druck, der daraus erwächst, der dazu führt, dass wir uns nicht selbst lieben können.

Wieso gibt uns denn das Topmodel im Modemagazin ein schlechtes Gefühl? Weil wir uns selbst nicht lieben und weil wir denken wir müssten so aussehen wie dieses Model, um gesellschaftlich anerkannt zu werden, als attraktiv und erfolgreich zu gelten. Es ist kein Geheimnis, dass nicht jeder Mensch von uns als Model auf die Welt gekommen ist, gefühlt möchte aber jeder Mensch gerne als solches wahrgenommen werden. Das ist aber schlichtweg einfach nicht möglich. Genauso ist es nicht möglich, dass jeder Physik studiert oder ein erfolgreicher Fotograf ist. Und das ist gar nicht schlimm, nein, es ist ganz wunderbar. Wer braucht schon eine Welt voller Models? Wir brauchen alles und jeden – denn ist es nicht die Vielfalt, die so wunderbar ist? Wir sollten unser Leben nicht in eine Form drücken wollen, in die es nicht passt.

Wir sollten unser Leben uns selbst, unseren Fähigkeiten und unseren Bedürfnissen anpassen. Denn einzig das ist der Weg zum Glück, zur Selbstliebe und zur eigenen Zufriedenheit. Wenn wir diesen Punkt erreicht haben (und das ganz ohne Stress, jeder hier nach seinem Tempo – wir machen es schließlich für uns und für sonst niemanden!), dann nehmen wir unsere Umwelt ganz anders war. Dann sehen wir andere Menschen, mit anderen Körper und anderen Fähigkeiten und können diese einfach sein lassen, ganz ohne Wertung. Oder vielleicht möchten wir einfach jemanden ein gutes Gefühl geben und ihm für seine Fabelhaftigkeit ein Kompliment aussprechen. Das ist eine Wertung, die anderen vielleicht hilft auf ihrem Weg – eine Wertung, die uns ein gutes Gefühl gibt und uns nicht weiter in die gesellschaftlich erwünschten Selbstzweifel treibt.

Let´s start a revolution — love yourself.

PS: Noch eine persönliche Anmerkung meinerseits, da ich in diesem Bezug immer wieder höre: „Wenn man so aussieht wie du, dann ist das auch einfach zu sagen“. Gerne möchte ich darauf auch nochmal eingehen, denn ich empfinde das nicht als unwichtig. Scheinbar werden solche wichtigen Aussagen nur dann wahrgenommen, wenn der Absender ebenfalls gesellschaftlich als „nicht normal“ gilt – in irgendeiner Art. Nun habe ich eine normale Figur und werde aufgrund dessen jetzt nicht auf der Straße dumm angemacht. Ein ganz wichtiger Punkt hierbei ist aber, dass die Art und die Auswirkung der Selbstzweifel ganz individuell ist. Ein Topmodel kann zerfressen sein von Selbstzweifeln, sich zu dick fühlen und nicht attraktiv genug, während ein anderer Mensch (der nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht) super zufrieden sein kann mit sich und seinem Körper. Die körperlichen Voraussetzungen können es eventuell erleichtern oder erschweren, sind aber kein Garant dafür, sich selbst lieben zu können. Und in einer Gesellschaft, in der ständig neue Optimierungsmethoden entwickelt werden, ist das erreichen einer gewissen „Perfektion“ gar utopisch. Und daran verzweifeln viele Menschen und sind unglücklich darüber. Auch die Art und der Umfang ist verschieden, manche Menschen hassen auch Dinge, die sie niemals ändern können. Ein Beispiel an mir waren immer meine Füße – ich muss mit diesen Füßen leben und mir immer wieder anhören, was ich für lange Zehen habe. Ich habe als Kind im Schwimmbad immer die Zehen versteckt und mir zusätzlich ein Handtuch um den Bauch gewickelt, damit den keiner sieht. In meinen Augen war er nämlich nicht flach genug. Das habe ich sehr lange geglaubt und nur meine Einstellung dazu hat etwas verändert, nicht der Umstand, dass er vielleicht gar nicht so war wie ich ihn wahrgenommen habe.

2 Comments

  1. Justine

    Ich verstehe deine Gedanken sehr gut.
    Für die meisten von uns ist Selbstliebe noch immer in weiter Ferne …
    Ziemlich traurig für eine Gesellschaft die sich als etwas besseres empfindet. Ich teile bei weitem nicht alle Ansichten von Dir, auch gefällt mir nicht jedes Fotos – aber ich kann dennoch nicht verstehen warum Leute plötzlich anfangen mit dem Ganzen: „Das ist aber xyz“.
    Wenn ich nix nettes zu sagen habe, kommentiere ich ziemlich selten. (Nazi Kacke lassen wir dabei jetzt mal raus 😉 ) Es ist okay auch mal kritisch aber höflich zu hinterfragen, aber allein wie Menschen auf eine scheinbar veränderte Haarfarbe reagiert haben hat mal wieder gezeigt wie rückständig viele noch sind.

    Liebe Grüße
    Justine
    http://www.justinewynnegacy.de/

  2. Vivi

    Ich finde es sehr schön solch einen wundervollen Text zu lesen. Lange Zeit(eigentlich mein ganzes Leben und jetzt immer noch) habe ich mich selbst fertig gemacht. Fand mich zu Fett und zu groß. Ich war schon immer kräftig und muskulös. Das alles zusammen machte mich schnell zum Objekt für hänseleien und co. Ich habe mich dieses Jahr zusammengerissen und mit Burlesque tanzen angefangen. Und habe festgestellt, ich bin weder Fett noch zu groß… das hat mir sehr geholfen mit mir klar zu kommen. Manchmal muss man eben auf Umwegen zu sich selbst finden.

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