Mängelexemplar Mensch

Verfasst von Victoria Müller

Mobbing, Bodyshaming und andere Scheiße. Themen wie diese sind omnipräsent, in der Gesellschaft und in meinem eigenen kleinen Mikrokosmos.

Am Wochenende war ich wieder bei einem Dreh mit einem Mädchen, das an ihrer Schule massiv gemobbt wird. Wenn ich diese Geschichten höre möchte ich einfach nur noch ableben. Da kann einem diese Menschheit einmal mehr richtig auf den Sack gehen. Ich frage mich seither welches Recht sich manche Menschen rausnehmen, andere zu bewerten. Keiner hat die Absolution dies zu tun! Auch wenn manche prä-pubertiernden jungen Menschen, denen die erste Schambehaarung wächst, glauben diese Absolution zu besitzen. Es ist nicht so, nein! Es gibt auch ein Medley an dummen Sprüchen zu dem Thema.

Manche Intelligenzbolzen sind sich einig, dass Menschen die sich „anders“ kleiden oder aussehen, Vorlieben haben oder sonst irgendwie aus der „Norm“ fallen, selbst an ihrem Schicksal schuld seien. Schließlich könnte sich ja jeder anpassen und „normal“ sein und müsste dann keine Angriffe befürchten. Selber Schuld halt.

Wie viel oder wenig Hirnmasse muss man besitzen, um so etwas rauszuhauen?! Was ist „normal“ und was ist „anders“ – damit fängt es doch schon mal an. Es gibt keine einheitliche Definition des Begriffs „normal“ im Bezug auf Kleidungsstil, bevorzugte Musik, Optik etc. pp. – höchstens einen gesellschaftlichen Durchschnitt.

WAS IST SCHON NORMAL?

Normal ist also im Volksmund immer das, was das Gros der Gesellschaft macht, gut findet oder hat. Dass das natürlich total willkürlich ist, scheinen einige nicht zu merken. Es gibt also keine heilige Schrift die besagt was „normal“ ergo „gut“ ist und was nicht! So mal sich das ja auch von Gesellschaft zu Gesellschaft unterscheidet. Wenn man einem Inder erzählt, dass es normal ist eine Kuh zu essen wird er dich entgeistert anschauen. Auch würde mich interessieren was ein Maori zu dem Vorwurf sagt, Tätowierungen seien asozial und quittieren einen längeren Gefängnisaufenthalt. Zu diesem gesellschaftlichen Normzwang kommt ja auch die persönliche und total subjektive Präferenz hinzu.

Wir alle haben nochmal einen ganz individuellen Geschmack. Einer liebt Oliven, einer hasst sie. Einer mag grüne Hosen, einer hasst sie. Wenn ich jetzt jeden dissen würde der Oliven gut findet (ich hasse sie so hart!), da wär ich ganz schön busy. Genauso verhält es sich bei Körperlichkeiten; Fatshaming, Skinnyshaming, etc. (zusammenfassend; Bodyshaming) sind ja auch ein ganz großes Thema zur Zeit. Wo vor einigen Jahrzehnten noch Fett hin gehörte, muss es jetzt ganz dringend weg. Da ist man zu dick, da zu dünn, da sieht man mega ungesund aus, uuuuuuh man sieht die Rippen (ergo, man ist magersüchtig).

SUBJEKTIVE WAHRNEHMUNG

Das Empfinden von Körperformen ist TOTAL subjektiv, auch wenn unsere heutige Gesellschaft ein sehr schlankes Schönheitsideal hat, muss das nicht jedem gefallen und auch nicht jeder muss diesem Ideal entsprechen. Und noch weniger steht es irgendwem zu die Körperlichkeiten anderer Menschen zu beurteilen. Wenn ein Mensch eher korpulent ist, weil er sehr gerne sehr viel isst, dann ist das primär seine Sache. Viele argumentieren ihre Kritik am Gewicht anderer mit Gesundheit und ähnlichem. Das ist wirklich sehr löblich wenn sich Menschen auf einmal mit der Gesundheit anderer befassen und vor allem aus Sorge und Nächstenliebe andere ermahnen sie mögen doch bitte abnehmen oder zunehmen. Letztlich geht es niemanden was an. Zumindest nicht den random peoples die sich bei sowas gerne einschalten.

Wir wissen doch alle; eigentlich sind die meisten wohl weniger um die Gesundheit besorgt. Ein sehr schlanker Mensch kann ungesund sein und ein kräftiger der Fitteste der Welt, denn den Gesundheitszustand sieht man einer Person nicht zwingend an. Und Gewicht hat tatsächlich (Achtung – es folgt eine Überraschung!) nicht immer etwas mit der Nahrungsaufnahme zutun. Uuuuuh! „Ich habe über 20 Kilo abgenommen in 10 Wochen. Schon nach 1-2 Wochen haben es meine Freunde bemerkt und ich habe viele Komplimente bekommen.“ Diese Qualle mit seinen dummen Sprüchen macht einem jeden Tag wieder ein schlechtes Gewissen, weil man nicht den mega „Traumbody“ hat.

Aber seriously; 20 Kilo in 10 Wochen abnehmen, das soll gesund sein? Und was sind das für Freunde bitteschön? Klar, wenn jemand hart an sich arbeitet, dann kann man das schon würdigen. Aber sollten wir solche Dinge nicht für UNS machen und nicht dafür, möglichst viele Komplimente zu erhalten? Letztlich gilt; jeder trägt die Verantwortung für sich selbst.

LEBEN UND LEBEN LASSEN

Solang dadurch niemand zu Schaden kommt, soll jeder das machen, tragen oder schön finden was sie/er für richtig hält. Die Betonung liegt hier aber definitiv auch auf „solange niemand zu Schaden kommt“. Was du vielleicht schön findest, findet ein anderer hässlich und umgekehrt. Es ist niemanden geholfen andere deshalb fertig zu machen, das wäre sowieso ein ewiger Kreislauf – denn da wird die Menschheit wohl auch die auf einen Nenner kommen. Die Welt wäre soviel entspannter, wenn wir uns alle mal entspannen würden. Kleine Mädchen müssten nicht schon Esstörrungen bekommen weil sie sich zu fett fühlen, schlanke Menschen müssten sich nicht ständig anhören müssen, dass sie krank sind.

Bunte Menschen müssten sich sagen lassen, dass sie asozial und Menschen die Lacoste Poloshirts tragen, dass sie spießig sind. Wenn wir uns selbst akzeptieren und lieben, dann können wir das auch mit anderen tun. Fühlt euch wohl und lasst dieses Privileg auch anderen zu Teil werden. Und aus der Erfahrung heraus wird bei mir (egal worüber ich schreibe) gerne auf den Veganismus geschlossen und dass ich doch bitte, wenn ich Toleranz schon propagiere selber tolerant sein soll. „Solang dadurch niemand zu Schaden kommt“ gilt auch hier. Meine Toleranz reicht tatsächlich „nur“ bis dahin.

Beim Konsum von tierischen Lebensmitteln entscheidet man nicht nur für sich, sondern auch für das Tier.

Jeder kann auch das Essen was er für richtig hält; Zucker, Fett, Koffein en masse – von mir aus. Aber beim Konsum von tierischen Lebensmitteln entscheidet man nicht nur für sich, sondern auch für das Tier und schadet diesem i.d.R. massiv (oder tötet es direkt). Das wollte ich direkt vorweg nehmen, weil ich mich mit diesem „Totschlagargment“ zum Thema Toleranz immer konfrontiert sehe. Keine Toleranz dafür. #sorry #notsorry

Verfasst von Victoria Müller

Ich habe Germanistik und Anglistik an der TU Darmstadt studiert und mache aktuell den Master in Wissenschafts- und Technikgeschichte an der TU Berlin. Neben dem Studium arbeite ich als (Radio-)Moderatorin, schreibe aktuell mein zweites Buch und publiziere zu Themen, die mich bewegen.

 

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